Anmut und Würde, dann nackte Wirklichkeit –
Hotels bei Inglin

Inglins «Grand Hotel Excelsior» –
Todesverdrängung und wahres inneres Afrika

Idylle und Spukwesen zugleich –
Hotels in den Alpen, Hotels in der Literatur

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Anmut und Würde, dann nackte Wirklichkeit –
Hotels bei Inglin

Der 17-jährige Meinrad Inglin (1893–1971) suchte im Kellnerberuf ein Schwellenerlebnis. Eine Schwelle für den Übertritt in eine glanzvolle, freie und sinnlich reichhaltige Welt sollte ihm das Leben im Grand Hotel werden – ein Durchgang zu bitterer Erfahrung wurde es.

Inglin versuchte sich in den Jahren 1910 und 1911 als Saalkellner, zuerst in Luzern, dann in Caux und dann wieder in Luzern. Seine Berufswahl war freilich schon zuvor peinvoll verlaufen. Zwei Schulversuche, nämlich in der technischen und merkantilen Abteilung des Schwyzer Kollegiums, hatte er abgebrochen. Und eine Uhrmacherlehre hatte nur gerade drei Wochen gedauert.

Die Welt der Grand Hotels kannte Inglin bei seinem Eintritt in den Kellnerberuf schon ein wenig. Verwandte führten unter anderem das «Grand Hotel Axenstein» beim Dorf Morschach, das eine prächtige Sicht weit über den Vierwaldstätter See und dessen umliegende Gebiete gewährte. Sein Urgrossvater Ambros Eberle (1820–1883), auch auf dem politischen Parkett ein berühmter Mann, hatte es für noble Gäste von nah und fern zu einem pulsierenden Ferienzentrum gemacht.

Das für Inglin vorerst Verlockende an der Hotelwelt: eine charmante, elegant anmutige Lebensart mit einem Hauch feudaler Würde, fern von jeder bürgerlich-dörflichen Enge und dem harten Erwerbsleben kommerzieller Handwerksberufe. Doch er sollte sich täuschen. Als Saalkellner musste er zuweilen bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit arbeiten. Das Hotelgewerbe bedeutete ihm nicht das erhoffte schönere Leben, schliesslich war es ihm, wie er am 16. Oktober 1911 seinen Verwandten in Schwyz von Luzern aus schreibt, ganz «zuwider geworden», und zwar «wie kein anderer Beruf. Meine ganze Natur sträubt sich dagegen.»

Diese Natur, die im Kampf «mit der nackten Wirklichkeit und Realität des Hotelgewerbes» zunehmend aufbegehrt, drängt ihn nun deutlicher als je zum Dichterberuf. Seine «Liebe, der Drang, das Interesse für Kunst, Poesie und Literatur», sei schon vor seinem Eintritt ins Hotel «beständig» gewachsen. Nun aber sei sie wirklich keine «Spielerei» mehr, nicht einfach nur «eine Laune meiner Jugend, wie sie so oft junge Menschen befällt», um dann wieder zu verschwinden. Im Gegenteil: Aus seinen Erfahrungen im Hotel habe sich «die Erkenntnis gelöst, die mich jetzt leuchtend beherrscht, die keine tolle Jugendlaune ist, sondern meine innerste, heiligste Überzeugung, nämlich dass mein Beruf in der Kunst, Poesie, Literatur liegt, dem ich mich nun mit voller Seele widmen werde und davon ich nicht abzubringen bin».

In seinen Hotelerlebnissen anno 1910 und 1911 mochte Inglin zuerst einen Gegenort des freien Rollenspiels suchen. Er fand dabei definitiv einen anderen freiheitlichen Gegenort zur Gesellschaft: die Literatur, diesen authentischen Umgang «mit der nackten Wirklichkeit», paradoxerweise gerade dank fiktionalen Sinngehalten. Hotels wurden ihm die Schwelle zum Dichterberuf.

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Inglins «Grand Hotel Excelsior» –
Todesverdrängung und wahres inneres Afrika

Die Schwelle am Eingang der prächtigen Frontseite von Inglins Grand Hotel Excelsior ist ein Zugang in eine grossartige Welt mit noblen, weltgewandten, scheinbar sicheren Touristen und Angestellten – doch hinter dem Hotel, da ist die Schwelle zu einer fremden, ja sperrigen Welt, die Unsicherheit bringt: zur Welt des Todes.

Sie grenzt der moderne Mensch auch in Inglins Roman aus. Er übertüncht sein inneres Wissen von ihr mit technischer Grossartigkeit, Effizienzideologien, billigem Gerede oder exotischem, darum gern ins Illusionäre abgleitendem Wortgeklingel, aus Fremdsprachen gebastelt. Dann auch mit der typisch modernen Selbstüberbietung: alles noch besser, noch grösser, noch ausgezeichneter! Nicht zuletzt der lateinische Komparativ «excelsior» im Hotelnamen weist in diese Richtung.

Die menschliche Sterblichkeit möchte auch der Hoteldirektor Eugen Sigwart nicht in seinem Haus haben. Die wirtschaftliche Zukunft, sie soll Leitschnur sein. Der kranke, tuberkuloseinfizierte und darum todbringende Mr. Barker wird in dieser Welt zu einem ungeliebten Gast. Und erst recht Peter, Eugens unbotmässiger Bruder, ist da nicht erwünscht. Er provoziert die zivilisierte Gesellschaft mit einem Totenkopf, weiss also nur allzu offensichtlich um die bürgerlichen Todesverdrängungen. Ein von Eugen herbeigerufener Mediziner muss aber zugeben, er vermöge Peters Psyche nicht beizukommen: «Da ist die Grenze, die ich als Arzt mit einem einfachen Menschen zwar ohne weiteres überschreite, mit Ihnen aber nicht.»

Just weil die westliche Zivilisation etwas so selbstverständlich Gegebenes wie den Tod ins Unbewusste abdrängt, markiert Peter die Schwelle zum Unheimlichen: Er erinnert an die menschliche Sterblichkeit, ironischerweise also an das uns heimlich nur allzu Vertraute, an das wahre innere Afrika in unseren Seelen.

Wohl aus demselben Grund erscheint der urtümliche Bauer, den er «durch den Speisesaal des zivilisierten Reichtums» schickt und der da die Menschen aus dem Gleichgewicht bringt, ebenfalls so spukhaft. Dieser Landwirt ist gleichsam Natur pur, und die bedeutet immer Stirb und Werde.

Auch das Feuer im Romanfinale kommt, wiewohl von Menschenhand entfacht, als Naturgewalt ins Hotel. Es bricht im Keller aus, in jenem Untergrund, wo den Menschen Nahrung zugeführt, wo Leben ermöglicht wird. Es macht dann in den oberen Etagen alle technische Macht hinfällig. Das einst dem sozialen Rollenspiel so wichtige künstliche Licht funktioniert nicht mehr. Parallel dazu zerstört der Hotelbrand auch den Firnis der zivilisatorischen Manieren. Wie enthemmt da die Menschen sich ergehen oder in ekstatischen Ausbrüchen sich entladen, wie enthemmt sie nun zu neuer Öffnung auf die letzten Dinge bereit sind!

Nicht nur das Hotel verzweigt sich in Schwellen, sein Brand wird ebenfalls eine Schwelle – hinein in ein neues Leben. Das bezieht seine Intensität vom Wissen: wir sterben.

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Idylle und Spukwesen zugleich –
Hotels in den Alpen, Hotels in der Literatur

Was für eine Schwelle im Eingang zu einem Grand Hotel der Belle Epoque, also um 1900: Wer sie passiert, erlebt ein reiches Gefüge von hübsch geschmückten Gängen, luxuriösen Räumen und prächtigen Festsälen.

Er tritt zugleich in eine Atmosphäre des erlauchten Komforts, des Müssiggangs und Überschwangs. Eine gehobene Gesellschaft aus verschiedenen Nationen ist da zusammen, um sich für einige Wochen oder Monate in einem relativ freien Gesellschaftsspiel vom Alltag zu entlasten.

Draussen eine alpine Bergwelt, die zuvor seit einigen Jahrhunderten in hymnischen Versen, suggestiv empfindsamen Romanen, belletristischen Reiseschilderungen oder auch Werbebroschüren zur Idylle stilisiert worden ist, auf gottgewolltem Bauplan ruhend mit ihren unverdorbenen Bauern und Hirten. Das böse Unwesen einer alten Sagenwelt, die Drachen und Gespenster von einst, sie sind nun aus den alpinen Schründen und Wäldern vertrieben. Und ein zunehmend aktiver werdender Tourismus macht die ehemals mühseligen Bergrouten vorbei an öden Felswänden und durch rutschige Geröllhalden attraktiv. Schöne Aussichtspunkte mit Blick auf erhabene Gipfel und Gletscher sind nun ebenso leicht zugänglich wie stille Orte mit sanften Quellen, hübsch plätschernden Bächen oder spiegelnden Seen.

In solcher Umgebung sind Grand Hotels geruhsame und bald genug auch nostalgische Schonräume gegenüber der Hackordnung einer euro-amerikanischen Zivilisation – derselben Zivilisation ironischerweise, die in den Ferien eine Saison lang scheinbar friedlich zusammenlebt.

Die Literatur nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt dann zunehmend ein Gespür für solch Widersprüchliches. Sie zeigt Grand Hotels als theatralische Pläsierpaläste. Mit trügerischen Genusswelten im Obertrakt kontrastiert ein realitätserprobter, leidender Untertrakt. Schwellen und ihre Fortsetzungen hinauf und hinunter in Form von Treppen gestalten sich zu Übergängen in verschiedenste Welten. Später, so etwa in Inglins «Schweizerspiegel» von 1938, werden Hotels gar Orte des Heimatverlusts.

Auch Spukerlebnisse von einst kehren in die Alpen zurück. In jüngerer Zeit etwa bei Martin Suter: gespensterhafte Zusammenhänge lagern sich da um ein alpines Wellnesscenter, Zusammenhänge, die doch das Zeitalter der Aufklärung einst, sollte man meinen, aus den Bergen vertrieben hatte.

Mindestens zwei Mal in der Schweizer Literatur, nämlich in Meinrad Inglins «Grand Hotel Excelsior» von 1928 und in Dürrenmatts Erzählung «Durcheinandertal» von 1989, kommt der Spuk an prominenter Stelle als Brand. Ein Hotel bzw. Kurhaus lodert, schrecklich und prächtig zugleich. Nachgerade etwas verwirrend dabei: Die beiden literarischen Brände haben eine grandios orgiastische Wirkung auf die betroffenen Menschen. Hotels werden ganze Schwellengefüge – und vor allem auch: Schwellen hin zu Spuk und elementar gefährlichen Mächten.

Daniel Annen

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