Odyssee eines Dialektstücks, Spielversuche und Spielorte
Schiltenau, der Ort der Handlung
Chlaus Lymbacher, die Hauptfigur
Wahrheit oder Lüge? Das Thema
Ein Wort zu Inglin und dessen Werk

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Odyssee eines Dialektstücks,
die Spielversuche und Spielorte

Gab es die Dialektkomödie «Chlaus Lymbacher» zu Inglins Lebzeiten (1893–1971) überhaupt schon? Dumme Frage, wird man antworten: Natürlich gab es sie; denn, kann man sagen, bereits am 13. Dezember 1943 schrieb Walter Lesch – Regisseur, Theaterautor und Mitbegründer des Cabarets Cornichon – dem Autor Inglin: «Dein Stück ist reizend und ‘bühnenfertig’, ich habe mich herzlich darüber gefreut!» Offensichtlich, das geht aus einem Brief Inglins an das Schauspielhaus Zürich hervor (19.8.1953), war dieses Stück nicht allzu lange davor, also zu Beginn der Vierzigerjahre, entstanden.

Und doch: Ein literarisches Ereignis wird ein literarisches Werk nicht schon in der Schublade des Autors, sondern erst, wenn es aufgeführt oder gedruckt wird – aber zur Uraufführung kam das Dialektstück erst mehr als 30 Jahre später, am 8. April 1976, in Hinwil, fast fünf Jahre nach Inglins Tod. Gedruckt wurde es sogar erst 1981.

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Beatrice von Matt, Inglins Biographin, hatte den «Chlaus Lymbacher» 1975 Reinhart Spörri vom «Theater für den Kanton Zürich» vorgelegt. Der plante dann die Uraufführung, wobei das Stück, einem Vorschlag Peter von Matts folgend, in dieser Aufführung (und später hie und da) «Der Robbenkönig» hiess. Von da an kam es zu mehreren Inszenierungen, nicht nur in der Deutschschweiz, auch in der Romandie.

Eigentlich hätte Lesch die Komödie schon 1943 einer Drucklegung und Aufführung zuführen wollen. Er empfahl Inglin, beim «Volksverlag Elgg» anzufragen: «er wird sich sicher freuen, das Stück zu drucken und zu verbreiten» (Brief vom 13.12.1943 an Inglin). Als Darsteller Chlaus’ empfahl er Heinrich Gretler, eine prägende Figur des damaligen schweizerischen Theaters (etwa am Züricher Schauspielhaus oder im Cabaret Cornichon) und des damaligen Schweizer Films («Füsilier Wipf», 1938, oder «Landammann Stauffacher», 1941). Inglin, auf eine gute Initialzündung für die Wirkung seines Stücks bedacht, hätte gern Gretler als Lymbacher gesehen.

Er nahm also mit Gretler Kontakt auf, wenn auch erst im Jahre 1946; und der rühmte die Komödie. Sie habe «ihm Eindruck gemacht und er sei erstaunt, dass sich noch niemand ernstlich darauf eingelassen habe».

Aber Inglin war zu diesem Zeitpunkt, anno 1946, schon nicht mehr darüber erstaunt. Die drei Jahre Verlags- und Bühnensuche hatten ihn in Resignation getrieben. Er hatte mit dem Volksverlag Elgg und auch mit anderen massgeblichen Institutionen aus verschiedenen Gründen den Rank nicht gefunden. Darum habe er «das Ding wieder in die Schublade geworfen» und war entschlossen, «von der Mundart künftig die Hände zu lassen, da sie über die Dilettanten-Bühne hinaus offenbar keinen Boden gewinnen kann», so am 20. November 1946 an Wilhelm Zimmermann, der sich als langjähriger Leiter der Freien Bühne Zürich für Inglins Dialekt-Lustspiel interessiert hatte.

Auch weiteren Aufführungsversuchen war zu Lebzeiten Inglins – trotz Leschs Bemühungen – kein Erfolg beschieden, obwohl zum Beispiel Zimmermann Inglin gegenüber «die glänzende Dialogführung und das aussergewöhnliche Format der Hauptgestalt» rühmte (30.11.1946); und auch eine Drucklegung wollte nicht gelingen.

Und warum das nicht? – Man darf vielleicht das kritische Potenzial eines solchen Dialektlustspiels nicht unterschätzen. «Vor dem politischen Thema fürchte man sich. Ei, ei! Arme Spielvereine!», schreibt Inglin in einem Brief vom 12. Januar 1944 an Lesch, offensichtlich kopfschüttelnd.

Also: Für die schweizerische Öffentlichkeit gab es den «Chlaus Lymbacher» erst nach Inglins Tod. Nur für einige Eingeweihte gab es das Stück schon vorher, schon in den Vierzigerjahren – als reizvolle Möglichkeit, aber auch: als politische Gefahr.

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Schiltenau, der Ort der Handlung

Gibt es einen Ort Schiltenau, so wie es ihn in Inglins Theaterstück «Chlaus Lymbacher» gibt? So gibt es ihn nicht. Man suche auf der Landkarte, im Telefonbuch oder im Twix Tel – vergebliche Liebesmüh! Und doch kommt einem vieles bekannt vor, was in Schiltenau passiert: Da taktieren politische Seilschaften wie überall, da zählt das Geld wie anderswo, und Einbildung ist auch bei einigen Schiltenauern die einzige Bildung, wie so oft. Schiltenau hat typische Züge eines Schweizer Dorfes. Darum kann Inglin in seiner Regieanweisung zu Beginn des Stücks notieren, dieser Ort sei «irgendwo in der Schweiz»; entsprechend könnten die Spieler «das Stück in ihrer eigenen Mundart spielen», er selber habe es in seiner eigenen Mundart, in jener des alten Landes Schwyz, verfasst.

Dieses Irgendwo macht Schiltenau zu einem Modell für eine schweizerische Dorf- und Politgemeinschaft, wie Seldwyla bei Gottfried Keller oder Andorra bei Max Frisch oder Güllen bei Friedrich Dürrenmatt solche Modelle sind. Und wie so oft in der Schweizer Literatur wird auch Schiltenau in ein besonderes Licht gerückt aus der Perspektive eines Heimkehrers, der das Dorf, nein besser: der das Modell einer schweizerischen Dorfgemeinschaft mit der grossen Welt konfrontiert.

Chlaus Lymbacher, die Hauptfigur

Gab es je einen Chlaus Lymbacher, so wie er in Inglins gleichnamigem Theaterstück lebt und leibt? So gab es ihn nicht. Gewiss zwar, als Urbild mag Inglin ein Schwyzer Wirt Pate gestanden haben, der Wuchtiges erzählte, von wuchtigen Geschäftserfolgen zum Beispiel: 100 Kilo Käse wollte er mal eingekauft haben – am andern Tag schon sei alles weg gewesen, rübis und stübis; mit 50 Kilo-Fässli Cornichon sei’s ihm ebenso gegangen; und erst in Amerika! Auch da sei er gewesen, er werde bald nochmals 14 Tage dorthin zurückkehren, um angehäufte honorable Geldsummen in die Schweiz zu transferieren. Aber natürlich, die grosse Welt, die kenne er.
So erzählte dieser Wirt offenbar. Auch wird Inglin sonst das eine oder andere Dorforiginal gekannt haben, das Unglaubwürdiges zum Besten gab. Zudem wusste er, der Jäger, um die Herrlichkeiten eines prachtvollen Jägerlateins.
Also: Für Lymbachers Geflunker gibt es gewiss reale Vorbilder; aber wo die genau sind bzw. waren, das ist schwierig zu sagen.

Ihr Standort in der Dorfgeschichte ist auch gar nicht entscheidend. Was Inglin am 13. Juni 1950 an Paul Kamer schrieb, gilt auch für den «Lymbacher»: «wie gleichgültig es mir sein muss, ob man hinter meinen Gestalten die Urbilder erkennt oder nicht, und wie hinfällig das Buch wäre, wenn es auf dergleichen angewiesen bliebe.»

Die Figur Lymbachers ist also gewiss einer historischen Wirklichkeit abgeguckt, dann aber weist sie darüber hinaus, weist sozusagen wörtlich in die weite Welt, die Enge einer verkrusteten Bürgerlichkeit in Frage stellend: sie hat (auch)  in diesem Sinn Weit-Blick.

Für diesen Weit-Blick wurde sie gestaltet, in eine lebendige Theaterwelt einverleibt, eingepasst ins Ganze eines Drama-Verlaufs, typisiert im Kontrast zu und im Verbund mit anderen Figuren. Das zeigt sich schon an der auf den ersten Blick geringfügigen Tatsache, dass Chlaus Lymbacher zuerst Thumes Lymgrueber hiess. Inglin feilte an seinen Figuren, auch an Lymbacher und seinen Mitbürgern.

Entsprechend wirkten sie: Am 13. Dezember 1943, als das Stück noch relativ frisch war, lobte Walter Lesch, die Figuren, und zwar nicht nur der «prächtige» Thumes, seien «alle lebensecht und klar gezeichnet. Alles ist rund und menschlich und das dramatische Element ist nicht zu kurz gekommen. Ich gratuliere!»

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Wahrheit oder Lüge? Das Thema

Lügt er? Seine Frau ist sicher: er tut’s. Chlaus Lymbacher, ihr Mann, er lüge wie gedruckt. Er selber ist sich da nicht so sicher. Könnte es nicht sein, dass er ganz einfach einen andern Wahrheitsbegriff hat? Seine Geschichten kommen zwar für seine Mitwelt als Lügengeschichten daher – aber in seiner Imagination haben sie ja durchaus Lebensfülle, für ihn selber sind sie dank einer Folgerichtigkeit nicht einfach ohne jede Wahrscheinlichkeit. Was er lustvoll und mit plastischer Inspirationskraft erzählt, erzählt offensichtlich auch gegen die kalte Gesichtslosigkeit einer kleinkariert lebensarmen Funktionsgesellschaft, das kann man sich leibhaftig – und insofern auch: wahr-haftig – vorstellen. Auf den Vorwurf der Lüge antwortet er darum mit der alles entscheidenden Frage: Was heisst Wahrheit?

Alles entscheidend ist diese Frage, weil sie die Frage des ganzen Theaterstücks ist. Je intensiver die Komödie auf ihren Höhepunkt zusteuert, je unwilliger die Leute über die Fantasien und Träume Lymbachers den Kopf schütteln, je unumgänglicher seine Ausgrenzung Wirklichkeit wird – desto fragwürdiger wird zugleich die bürgerliche Pedanterie in Wahrheitsfragen. Denn man merkt zunehmend: Auch die Schiltenauer modellieren die Wahrheit, wenn sie ihnen nicht zupass kommt. Wenn taktierende Politik, Geld fördernde Wirtschaft oder prestigeträchtiger Rang sich als wichtig aufblähen, dann gilt jedenfalls auch in Schiltenau: «Als Wahlkandidat verspricht mänge mee, als er cha halte.» Daran hängt offenbar der Erfolg. «Und dass mes de Lüte chan aagää, vo dem hangets doch schliesslich ab …».

Die «Wahrheit» der Schiltenauer klebt an Äusserlichkeiten. Ihr gegenüber haben Lymbachers Fantasien und Träume einen kaum wettzumachenden Vorzug: Nicht nur sind sie allenfalls förderliche Visionen, um aus festgefahrenen Schemen auszubrechen – sondern auch: sie kommen aus dem Innern, sie geben der Innerlichkeit Raum, all dem, was im menschlichen Unbewussten schlummert und sich im offiziellen Anstand nie so wirklich entfalten kann. Darum ermöglichen sie auch ein Zusammenleben, das von innen kommt, das nicht nur auf Taktiererei, Zahlungsfähigkeit und Aussehen beruht. Einmal sagt Lymbacher: «me sött chönne von innen uuse läbe» Wahr ist’s. Von innen heraus wird die von der grossen Politik ausgesparte Sympathie des Herzens möglich, ganz konkret am Schluss der Dialektkomödie zwischen Lymbacher, dem Wirt, Vroni, seiner Serviertochter, und Johann, dem Taglöhner. Und siehe: Mit der Kraft dieser Sympathie können die drei nochmals einen neuen Lebensentwurf wagen …

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Ein Wort zu Inglin und dessen Werk

Meinrad Inglin (1893-1971) ist heute vor allem als Erzähler und Romanschriftsteller im allgemeinen literarischen Bewusstsein.

In seinen schriftstellerischen Anfängen – in Texten, die im ungedruckten Inglin-Nachlass überliefert sind – hatte er seine Möglichkeiten aber nicht nur im Roman-, Erzähl- und Lyrikbereich ausprobiert, sondern auch im Drama. Das Drama schien ihm damals  geeignet, seinem von Gegensätzen geplagten Dasein Ausdruck zu geben, seine inneren Spannungen  schreibend auszuagieren – konkreter: seine Konflikte mit dem Katholizismus und einem als beengend empfundenen Bürgertum zu verarbeiten.

Sein erster veröffentlichter Roman «Die Welt in Ingoldau» (1922) ist dann immer noch ein Reflex dieser jugendlichen Zerreissproben; auch hier versucht Inglin den Zusammenprall von Welten und Anschauungen. Und ebenso lebt der «Schweizerspiegel» (1938), der Roman von der Schweiz im Ersten Weltkrieg, von gegensätzlichen Perspektiven, von verschiedenen Sichten auf das schweizerische Zusammenleben.
Immer wieder haben Schweizer Schriftsteller einen solchen Zusammenprall von Welten gern mit dem Motiv des Heimkehrenden verbunden. Inglin tut das oft, schon in der eben erwähnten «Welt in Ingoldau», später im «Wendel von Euw» (1925) oder im autobiographisch erzählten Roman «Werner Amberg» (1949) – oder eben im «Chlaus Lymbacher», mit dem er zu Beginn der Vierzigerjahre zum Drama zurückfand.

In dieser Zeit, während des Aktivdienstes von 1939 bis 1945, musste Inglin, Oberleutnant der Schweizer Armee, auf grössere Buchvorhaben verzichten. So entstanden kleinere Werke, neben dem «Chlaus Lymbacher» Erzählungen wie zum Beispiel die berühmte «Furggel», eine Erzählung, die in novellistischer Zuspitzung ebenfalls auf eine dramatische Heimkehr abhebt.

Die Heimkehr prägte auch dramatische Konstellationen in Inglins Leben: mit 16 Jahren zum Beispiel die Heimkehr nach einer missglückten, nur gerade dreiwöchigen Uhrmacherlehre in Luzern, die Heimkehr nach abgebrochenen Versuchen im Hotelfach, die Heimkehr nach nächtlichen Eskapaden wohl auch – oder auch und vor allem: die Heimkehr nach seinen Studienjahren in Bern und Genf.

Da kehrte er definitiv in seinen Geburtsort Schwyz zurück, von einem neuen Geist erfüllt, der den Erstling «Die Welt in Ingoldau» ermöglichte, der aber in Schwyz – offensichtlich zu sehr über die kanalisierenden Sicherungen der Tradition hinausgehend – ein böses Kesseltreiben gegen den jungen Autor in Gang setzte. Inglin blieb in Schwyz, dennoch. Auch hier gab es Bedrängendes genug, um ihn zum Schreiben anzustiften.

Daniel Annen

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