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Aufführungsgeschichte

Warum der «Tell» nicht in seiner angestammten Umgebung, sondern am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit ausmachen. Es ist denkbar, dass die neue und direkte Sprache des Stücks bei Brunner und Schwyzer Laienspielern zunächst keine Gegenliebe fand (sogar der «Nebelspalter» reagierte darauf nach der Uraufführung in einer ganzseitigen Karikatur); möglich ist aber auch, dass der inzwischen auf die Vierzig zugehende Autor sich in einer Stadt ein breiteres Echo erhoffte. Eine wichtige Rolle spielten sicher die Beziehungen von Paul Schoecks jüngstem Bruder Othmar zum Zürcher Stadttheater, zu dem damals auch die Pfauenbühne gehörte. Die Freie Bühne Zürich, die dort Gastrecht genoss, war zwar eine Laiengruppe, hatte aber einen guten Namen und zog immer wieder auch professionelle Schauspieler bei – für den «Tell» waren das Heinrich Gretler als Stauffacher, Emil Hess als Tell und Emil Gyr als Gessler.

Vielleicht war es dem Autor selbst nicht ganz bewusst, wie sehr sein «Tell» von der authentischen Schwyzer Mundart lebte, mit der die Spieler der Freien Bühne nach der Kritik von NZZ-Literaturpapst Eduard Korrodi «rangen wie Jakob mit dem Engel»; ausserdem war der Regisseur und treibende Geist dieses Ensembles August Schmid, ein bekannter und bewährter Festspielinszenator und nicht unbedingt der richtige Mann für ein feineres Stück mit Kammerspielcharakter.

Jedenfalls scheinen die Proben Paul Schoeck wenig überzeugt zu haben; sein Bruder Othmar, der ihm inzwischen einige Bühnenerfahrung voraus hat, schreibt rund zwei Wochen vor der Uraufführung aus Genf, wo er an seiner Oper «Venus» arbeitet: «Paul soll sich ja nicht über die Proben ärgern! Die sind immer unter aller Kanone, und er soll sie lediglich als ‹Geduldsproben› auffassen. Die Aufführung bringt erst etwas vom Geist, der einem Stücke innewohnt. Ich wäre an seiner Stelle nicht ängstlich!» Und drei Tage später doppelt er nach: «Ich bin überzeugt, dass das Stück Eindruck macht, es mag aufgeführt werden wie es will.»

Die Uraufführung war dann auch wirklich ein Erfolg, und ausführliche Rezensionen erschienen in der ganzen Deutschschweiz («Alle nörgeln und müssen am Schluss zugeben, dass es gut ist», schreibt der nach Genf zurückgekehrte Othmar). Dass Regisseur Schmid dem Stück «die wirkungsvolle dramatische Form gegeben» habe (so die «Freie Bühne» selber), ist aus heutiger Sicht allerdings ein Unglück: Das Manuskript des Stückes ist verloren, und man weiss nur, dass der dritte Akt für die Uraufführung völlig umgestaltet wurde; weil die Zürcher Spielfassung auch der gedruckten Erstausgabe von 1923 als Grundlage diente, gilt Schmids Bearbeitung jetzt als Original, an das sich auch alle späteren Aufführungen hielten. Es darf angenommen werden, dass Schoecks eigene Lösung moderner und weniger konventionell gewesen ist; die Brunner Tellspieler haben sich denn auch je und je auf die ersten beiden Akte konzentriert.

Es war Dr. Hermann Stieger, der 1933 mit einer Aufführung des 1. Aktes für das Kantonalschützenfest die Brunner Tradition begründet hat (in der stark bearbeiteten Zweitauflage des Stücks von 1940 figuriert er auch als Dramaturg). Er selber hat eine Liste von sämtlichen ihm bekannten Aufführungen zwischen 1920 und 1945 hinterlassen und kommt auf 77 Vorstellungen von Solothurn über Schaffhausen bis nach Altdorf, darunter eine italienische und eine berndeutsche Bearbeitung. Spätere Angaben fehlen; eine Notiz von fremder Hand erwähnt noch die letzte Vorstellung in Brunnen 1964, kurz vor seinem Tod, mit dem die Brunner Tradition abgebrochen ist. Seit Emmy Grätzers Inszenierung mit der bühne 66 in Schwyz 1967 ist Schoecks Tell im Talkessel nicht mehr aufgeführt worden.

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Quellen:

Paul Schoeck, Tell, Schauspiel in Schwyzer Mundart, Aarau 1923
Charles Linsmayer, Literaturszene Schweiz, Zürich 1989
Othmar Schoeck, Post nach Brunnen, Zürich 1991
Schweizerdeutsches Wörterbuch, Frauenfeld 1881ff.
Privatarchive
Redaktionelle Texte: Elisabeth Schoeck-Grüebler

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